Artenschutz und Artenvielfalt der Meere

Totengeläut für das Einhorn der Meere – Inuit rotten Narwale aus

Fechtende Narwale. Foto: Glenn Williams

Mit ihrem sagenumwobenen bis zu 3 Meter langen spiralförmig gedrehten Stoßzahn gehören Narwale zu den sonderbarsten Bewohnern der Weltmeere

Der Ursprung der Einhorn-Legende könnte bald auch nur noch ein Mythos sein. Hauptgrund ist die hemmungslose Jagd grönländischer Inuit auf die über 4 Meter großen und bis zu 1,5 Tonnen schweren Wale. Innerhalb weniger Jahrzehnte haben sich die Bestände auf ein Viertel dezimiert.

Narwalschädel mit zwei Stoßzähnen.Narwale leben in arktischen und subarktischen Gewässern nördlich des Polarkreises entlang der Küsten Kanadas, Grönlands und Sibiriens. Der berühmte Stoßzahn aus Elfenbein wächst meist aus dem vordersten linken Zahn des Oberkiefers und ist stets linksspiralig gewunden. In der Regel sind nur die Männchen derart bewehrt. Allerdings kann es auch bei weiblichen Narwalen gelegentlich zur Ausbildung eines oder sogar zweier Stoßzähne kommen.

Rätselhafte Nasenwaffe
Die Funktion der zwischen 2 und 3 Meter langen und bis zu 8 kg schweren Stoßzähne ist immer noch rätselhaft. Am wahrscheinlichsten ist, dass sie als Duellierwaffen im Imponierverhalten der Narwalmännchen bei der Eroberung paarungsbereiter Weibchen eingesetzt werden. So fanden sich Stoßzahnspitzen in Köpfen erlegter Narwale. Aber auch die Funktion eines Messfühlers wird der "Nasenwaffe" zugeschrieben. Untersuchungen zeigten, dass ein Narwal-Stoßzahn Zahn etwa 10 Millionen Nervenenden enthält. Damit könnten neben Wassertemperatur und -druck, der Salzgehalt des Meerwassers oder die Quantität von Beute in Abhängigkeit von der Tiefe erfassbar werden.

Hohe Bestandsverluste der grönländischen Narwal-Population
Karte Verbreitung des Narwals.Bereits 2004 hatten Wissenschaftler festgestellt, dass es in den Gewässern vor Grönland mindestens 10 Prozent weniger Narwale gibt als bei den letzten Bestandserfassungen. Ende 2006 erhöhte Grönland eigenmächtig seine Fangquote um 100 auf 385 Tiere. Das ist fast das Dreifache dessen, was Forscher für erträglich halten. Wie beim Elfenbein wird der Narwal-Stoßzahn für Schnitzereien genutzt, die an Touristen verkauft werden. Zwischen 300 und 600 Euro pro Meter kann mit einem Stoßzahn erlöst werden.

Artenschutzbestimmungen bleiben wirkungslos
Narwale stehen zwar auf Anhang II des Washingtoner Artenschutzübereinkommens (WA/CITES) und seit 2004 ist die Einfuhr von Narwalprodukten in die EU aus Artenschutzgründen verboten, allerdings mit großzügigen Ausnahmen. Doch beeindrucken lässt sich die grönländische Regierung davon nicht. Selbst Empfehlungen der eigenen Behörde, die sich für eine Fangquote von maximal 135 Tieren ausspricht, werden ignoriert.

Starke Bedrohung auch durch Meeresverschmutzung und Überfischung
Narwale stehen wie die meisten Meeressäuger an der Spitze der marinen Nahrungsnetze und nehmen über die von ihnen erbeuteten Fische Schwermetalle wie Quecksilber, Cadmium oder Blei und Giftstoffe wie polychlorierte Biphenyle (PCB) oder DDT in hohem Maße auf und speichern sie im Muskelgewebe, Nieren, Leber und im Körperfett.

Auch die zunehmende Überfischung der Heilbutt-Bestände vor Grönland, die Teil der Nahrungsgrundlage der Narwale sind, setzt den Tieren zu.

Todessstoß für grönländische Narwale
Narwale vermehren sich nur sehr langsam, in einer Population von 100 Individuen werden etwa 7 Kälber pro Jahr geboren. Meeresschützer befürchten, dass besonders der Narwal-Bestand vor Westgrönland mit geschätzten etwa 4.500 bis 7.800 Individuen der Kombination aus Umweltbelastung, Nahrungsmangel und viel zu hohem Jagddruck nicht lange wird standhalten können. Denn zu den offiziell erlegten Tieren kommt eine nicht bekannte Zahl "verloren gegangener" Fänge hinzu, wenn die Bergung erlegter Tiere scheitert oder ungeübte Jäger am Werk sind.

Paul Nicklen berichtete 2007 im National Geographic Deutschland, wie er einen 13-jährigen Inuit einen ganzen Tag lang auf Narwale schießen sah. Der Junge verwundete viele Tiere, brachte aber keinen Wal an Land. Ältere Inuit standen dabei - und schwiegen.
Ulrich Karlowski

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