Artenschutz und Artenvielfalt der Meere

Gejagte Jäger - Erfolgsmodell der Evolution vor dem Aus?

Springender Weißer Hai. Foto: Dr. Dirk Schmidt/Marine Photobank

Experten warnten bereits vor über 20 Jahren vor der Ausrottung vieler Hai-Arten

Vor über 450 Millionen Jahren tauchten die ersten Haie in den Meeren auf. Heute gibt es etwa 350 bis 370 Arten, von handspannengroßen Exemplaren bis hin zum größten Fisch der Welt, dem 18 Meter langen Walhai. Ausgerechnet die beiden größten, der 15 Meter große Riesenhai und der Walhai, ernähren sich dabei ausschließlich von Plankton und sind ebenso friedlich wie bislang weitgehend unerforscht.

Erfolgsmodell der Evolution
Bullenhaie beim Synchronschwimmen. Foto: Fiona Ayerst/Marine PhotobankIrrtümlicherweise werden Haie oft als "unterentwickelte" Vorfahren der Knochenfische angesehen. Doch es gab bereits kleine knochenfischartige Wassertiere als die ersten Knorpelfische entstanden. Beide haben sich unabhängig voneinander entwickelt und unterscheiden sich grundlegend.

Haie haben kein festes Knochenskelett, besitzen keine richtigen Schuppen, sondern eine mit Hautzähnen bestückte Körperdecke, und auch keine Schwimmblase. Trotz dieses fehlenden Auftriebsorgans stimmt das weit verbreitete Gerücht nicht, sie müssten ständig in Bewegung bleiben, um nicht hilflos auf den Meeresboden zu sinken. Viele Arten ruhen auf dem Meeresgrund, einige Hochseeformen legen zwischendurch Pausen ein, ziehen sich zum Schlafen sogar in Höhlen zurück.

Dank ihrer perfekten Körperform können sie mühelos schwimmen und ihre Höhe problemlos regulieren - Haie brauchen keine Schwimmblase. Einer perfekten "Überlebensmaschine" gleich hat sich ihre Körperform in der langen Zeit ihrer Entwicklung kaum verändert.

Dieses evolutiv so erfolgreiche, quasi zeitlose Modell besitzt - wie nur wenige Fische - am Kopf befindliche Elektrorezeptoren, mit denen elektrische Signale aufgefangen und auswertet werden können. Das erleichtert möglicherweise das Navigieren mit Hilfe des Erdmagnetfeldes in den endlosen Weiten der Meere. Hauptfunktion dieses elektrischen Organs soll jedoch die eines Radargerätes sein, mit dem versteckte Beutetiere aufgespürt werden.

Hoch entwickelte Fortpflanzungsmethoden
Obwohl es sich um eine altertümliche Lebensform handelt, verfügen Haie über hoch entwickelte, den Knochenfischen im Grunde überlegene Fortpflanzungsmethoden. Sie besitzen äußere Geschlechtsorgane und leiten eine innere Befruchtung mittels Kopulation ein. Die Mehrheit, etwa 70 Prozent, ist lebendgebärend, die anderen wie Katzen-, Horn- oder Walhaie legen Eier (Oviparie) - vergleichbar mit Hühnern.

Während gewöhnliche Fischweibchen in der Regel Tausende Eier frei ins Wasser abgeben, wo sie dann besamt werden, sorgen Eier legende Haie vergleichsweise besser für ihren an Zahl weitaus geringeren Nachwuchs. Eingebettet in große stabile Hornkapseln mit spiraligen Haftfäden, die sich im Tang oder an Korallen anheften, wachsen die Embryonen gut geschützt auf dem Dottersack bis zum Schlüpfen heran.

Vermehrung im Schneckentempo
Doch gerade ihre einst erfolgreichen Fortpflanzungsstrategien werden den Meeresjägern heute zum Verhängnis, denn ihre Vermehrung findet im Schneckentempo statt. Bei vielen Arten dauert es zehn bis 18 Jahre, bis sie fortpflanzungsfähig sind. Während sich einige das ganze Jahr oder nur während bestimmter Monate vermehren, legen andere Arten Pausen von 1-2 Jahren ein. Manche bringen nur zwei Junge pro Reproduktionszyklus zur Welt, nur wenige wie der Blauhai erreichen Höchstraten von hundert Jungtieren.

Erfolgsmodell stößt an Grenzen evolutiver Durchsetzungsfähigkeit
Bei durch die moderne Industriefischerei verursachten Verlustraten von geschätzten über 100 Millionen getöteten Haien jährlich stößt dieses Erfolgsmodell heute an die Grenzen seiner evolutiven Durchsetzungsfähigkeit. Die Verluste können nicht mehr ausgeglichen werden.

Hai Gebisse zum Verkauf.Das Gebiss eines Weißen Hais ist Hochseeanglern und Souvenirjägern viele Tausend Dollar wert und stellt damit die Hauptursache für die akute Gefährdung dieser Art dar. Die Meerestiere liefern verschiedene Produkte für den Handel: Fleisch und Haut, die zu Handtaschen und Cowboystiefeln verarbeitet wird. Ebenfalls sehr begehrt sind Hai-Flossen, deren angeblich Potenz fördernde Wirkung den Markt kräftig angeheizt hat.

Bei der gezielten Flossenfischerei, dem sogenannten "Finning", werden den Tieren direkt nach dem Fang die Flossen abgeschnitten, dann wirft man sie verstümmelt zurück ins Meer, wo sie qualvoll verenden. Hauptabnehmer sind Hong-Kong, China und Singapur. Obwohl der Handel mit Haiflossen stetig zunimmt, übertrifft die Nachfrage das Angebot bei Weitem. In Hongkong kann eine Schale Haifischflossensuppe von bestimmten Arten mehrere Hundert Euro kosten. 

Auch Heilmittel aus Haiknorpel erfreuen sich großer Beliebtheit, obwohl eine Wirkung der als Wundermittel gegen Krebs angepriesenen Pülverchen bis jetzt nicht bewiesen werden konnte.

Experten warnten bereits vor über 20 Jahren
Ein gezieltes Fischereimanagement für Haie und die ebenfalls zu den Knorpelfischen gehörenden Rochen gibt es nicht. Internationale und nationale Fischereistatistiken geben, im Gegensatz zu vielen Gruppen der Knochenfische, durchweg nur sehr pauschale Informationen über Zahl und Art gefangener Knorpelfische. Bereits 1994 warnten Experten auf der Internationalen Artenschutzkonferenz in Fort Lauderdale vor der drohenden Ausrottung vieler Haiarten.

Weisser Hai mit weit offenem Maul.Und so kämpfen diese den Delfinen in Sachen Unterwassermanövrierfähigkeit in nichts nachstehenden Knorpelfische heute um ihr Überleben. Es könnte gut sein, dass sich unser Wissen über viele Hai-Arten einmal darauf beschränken wird, dass diese ein enormes Gebiss und wir Angst vor ihnen hatten.
Ulrich Karlowski
Fotos:
Springender Weißer Hai. / Weißer Hai mit weit geöffnetem Maul: Dr. Dirk Schmidt/Marine Photobank
Bullenhaie beim Synchronschwimmen: Fiona Ayerst/Marine Photobank
Hai Gebisse: (c) Wolcott Henry 2005/Marine Photobank

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