Tourismus - Schifffahrt

Im Ballastwasser reisen Krankheitserreger um die ganze Welt

Containerschiff im Santa Barbara Kanal. Foto: (c) Wolcott Henry 2005/Marine Photobank

Seeschiffe transportieren ungewollt Fremdorganismen über die Weltmeere

Die meisten der tierischen oder pflanzlichen "blinden Passagiere" reisen im zur Schiffs-Stabilisierung mitgeführten Meerwasser in den Ballasttanks. Doch während die Verbreitung nicht heimischer Arten von Plankton, Quallen oder Muscheln über Ballastwasser bekannt ist, wurde die globale Verbreitung von Viren und Bakterien auf demselben Wege lange unterschätzt.

Um bei Leerfahrten auf hoher See stabil zu bleiben, erhöhen Schiff ihr Gewicht durch die Aufnahme sogenannten Ballastwassers. Bei einem großen Containerschiff können das gut und gerne 100.000 Tonnen Wasser und mehr sein. Unzählige kleine Tiere, Larven, Pflanzen aber auch Viren und Bakterien werden dabei mit in die Tanks gepumpt und gehen ungewollt mit auf große Fahrt. Wenn die Tanks vor der Einfahrt in den Zielhafen ausgepumpt werden, ist die Reise für die Blinden Passagiere zu Ende und sie finden sich plötzlich in einem Lebensraum wieder, in den sie gar nicht gehören. Viele Organismen überleben diese Verfrachtung nicht, andere gedeihen prächtig und können als Neobiota, oder invasive Tier- und Pflanzenarten, in ihrem neuen Ökosystem auch beträchtliche Schäden anrichten.

Alle neun Wochen taucht irgendwo auf der Welt eine neue Art auf
Laut Lloyd's Register in London wurden 2012 jährlich bis zu fünf Milliarden Tonnen Ballastwasser transportiert. Täglich sollen es mehr als 7 000 Neobiota sein, die per Ballastwasser eine Reise mit ungewissem Ausgang um den Globus antreten. Alle neun Wochen, so schätzt man, etabliert sich so irgendwo auf der Welt eine fremde Spezies (Neobiota), dauerhaft als Neozoe oder Neophyt in einem neuen Lebensraum.

Jedes Jahr über 2,2 Millionen Tonnen Ballastwasser in deutschen Häfen
Untersuchungen des Umweltbundesamtes (UBA) in deutschen Häfen ergaben, dass dort jährlich etwa 2,2 Millionen Tonnen Ballastwasser aus außereuropäischen Regionen abgelassen werden. Durchschnittlich fand man etwa 1 Individuum pro Liter Ballastwasser, woraus sich ein möglicher Organismuseintrag von 6 Millionen Individuen pro Tag in deutsche Gewässer ergibt. Die meisten der 200 untersuchten Schiffe kamen aus tropischen und warm-gemäßigten Meeren. Unter den nachgewiesenen Fremdorganismen waren auch zwei Geißelalgengattungen (Alexandrium und Gonyaulax), zu denen auch Gift produzierende Arten gehören.

Während spektakuläre Einwanderer wie die Chinesische Wollhandkrabbe, die es auf beträchtliche Bestandszahlen in der Elbe gebracht hat, seit langem für Aufmerksamkeit sorgen, wurde dem Verbreitungsweg von Mikroben über Ballastwassertransporte lange nur wenig Aufmerksamkeit geschenkt.

Ballastwasser: Ein um die ganze Welt reichender Verbreitungsmechanismus für Keime
Containerschiff im Hafen von Honiara.Wissenschaftler vom Smithsonian Environmental Research Center (SERC) wiesen 2001 darauf hin, dass durch Ballastwassertransporte ein um die ganz Welt reichender Verbreitungsmechanismus für Krankheitserreger entstanden ist. Eine Forschungsgruppe des SERC fand bei Untersuchungen in der südlich der US-Hauptstadt Washington gelegenen Chesapeake Bay hohe Konzentrationen von Mikroorganismen, pathogenen Bakterien und Viren. Darunter der Erreger der Cholera (Vibrio cholerae), der in allen Schiffen entdeckt wurde. "Niemand weiß, wie sich die Mikroorganismen weiterentwickeln, wenn sie in ihren neuen Lebensraum gelangen", erklärte Ruiz.

2016 keine blinden Passagiere mehr im Tank?
Die Mitgliedsstaaten der Internationalen Schifffahrtsorganisation (IMO) unterzeichneten 2004 eine Konvention zum Ballastwassermanagement. Bis spätestens 2016 soll es keine Neobiota-Transporte in Ballastwassertanks mehr geben. Dafür sollen entsprechende Aufbereitungs- und Filteranlagen sorgen. Zudem wird die Reinigung zur Pflicht, allerdings erst, wenn mindestens 30 Staaten mit mindestens 35 Prozent des weltweiten Seetransports die IMO-Konvention ratifiziert haben. Im September hatten, laut UBA, 44 Staaten, darunter auch Deutschland, mit 32,86 Prozent der Weltbruttotonnage die Konvention ratifiziert. Auch wenn das Ballastwasser-Übereinkommen damit noch nicht in Kraft ist, werden Schiffsneubauten heute bereits mit entsprechenden Reinigungssystemen ausgerüstet.

Bakterien und Viren sind äußerst widerstandsfähig
Wirkungsvoller und umweltfreundlicher ist allerdings der Ballastwasserwechsel auf hoher See. Organismen, die aus küstennahen Gebieten stammen haben dort kaum Überlebenschancen und versehentlich transportierte Passagiere aus der Tiefsee werden auf hoher See bleiben. In einigen Ländern wie den USA dürfen Schiffe bereits nicht mehr in die Häfen einlaufen, wenn sie nicht belegen können, dass sie ihr Ballastwasser auf hoher See gewechselt haben.

Filtern und anschließende Reinigung mit Chemikalien (Bioziden) dürfte Viren und Bakterien auch nur wenig beeindrucken, warnt Gregory Ruiz: "Wegen ihren ausgeprägten Toleranz gegenüber hohen Temperaturen und ihrer Fähigkeit äußerst widerstandsfähige Dauerformen zu bilden, lassen sich Invasionen von Mikroorganismen damit kaum aufhalten."

Die Verbreitung von Bakterien und Viren könnte gut eines der heimtückischsten Probleme des Ballastwasserwechsels werden.
Ulrich Karlowski, Januar 2016
Fotos:
Frachter am Kai: U.Karlowski
Containerschiff im Santa Barbara Kanal / Containerschiff im Hafen von Honiara: (c) Wolcott Henry 2005/Marine Photobank

Weitere Informationen:

Gefahr für Ostsee-Fische durch eingeschleppte Raubquallen

UBA: Ballastwasserbehandlung