Meeresverschmutzung - Müll

Plastikabfall vergiftet die Meere und tötet Meerestiere

Tote Heringsmöve mit Plastikring. Foto: David Cayless/Marine Photobank.

Edgar Allen Poe würde heute wohl eher über einen "Sturz in den Müllstrom", denn von einem in einen Mahlstrom erzählen

Die Meere drohen an dem, was bei der Zivilisation hinten heraus kommt, zu ersticken. Von den jährlich mehr als 125 Millionen Tonnen Kunststoff, die wir produzieren, landet ein beträchtlicher Teil im Meer.

Plastikabfälle werden nicht nur an Stränden zurückgelassen oder von Schiffen aus ins Wasser geworfen. Sie gehen als Netzreste aus der Fischerei verloren oder werden gezielt im Meer als Abfallbeseitigung versenkt. Ein beträchtlicher Anteil wird von Flüssen und Wind ins Meer geschwemmt und getragen.

Hätten Kolumbus und seine Männer ihre Lebensmittel schon in Plastiktüten transportiert - die Reste davon würden sich noch heute an Amerikas oder, je nach Strömungslage, auch an viel weiter entfernten Stränden finden. Insofern haben die Meere sogar noch Glück, dass sich Plastik, als wesentlicher Bestandteil der industriellen Wegwerf-Gesellschaft, erst seit dem vergangenen Jahrhundert so großer Beliebtheit erfreut.

Nach Angaben des Umweltbundesamtes (UBA) bestehen drei Viertel des Mülls im Meer aus Kunststoffen. Durchschnittlich treiben etwa 13.000 Plastikmüllpartikel auf jedem Quadratkilometer Meeresoberfläche.

Über 500 Jahre im Stoffkreislauf
Totes Albatros Jungtier mit lauter Plastikabfall im Magen.Es gibt nicht viele Zivilisationsprodukte, die derart hartnäckig im Stoffkreislauf verbleiben wie Plastikabfälle. Über mehrere hundert Jahre gefährden die Abfälle auf vielfältige Weise Menschen und Tiere, vergiften großflächig die Ozeane. Meerestiere fressen Plastikteile, weil sie sie für Beute halten, verheddern und strangulieren sich.

Experten gehen davon aus, dass jährlich eine Million Seevögel, 100 000 Meeressäuger und unzählige Fische an Plastikmüll verenden. Auf den Inseln des Midway-Atolls im Pazifik stirbt etwa ein Drittel aller Albatros-Jungen, weil ihre Eltern sie versehentlich mit Plastikabfällen füttern. Die Jungvögel verhungern mit gefüllten Mägen voller Plastikteile. Ein Blutzoll, den die betroffenen Arten nicht lange werden verkraften können.

Der "Great Pacific Garbage Patch" - Ein Müll-Mahlstrom so groß wie Zentraleuropa
Etwa 70 Prozent des Mülls sinkt auf den Meeresboden, der Rest verbleibt in den Meeresströmungen und sammelt sich in teilweise gigantischen Müll-Mahlströmen, so im Gebiet der Äquatorialen Konvergenzzone, einer wenige hundert Kilometer breiten, den Erdball auf Höhe des Äquators umspannenden Tiefdruckrinne. Der mit Abstand größte Müll-Mahlstrom kreist im Pazifik, zwischen der Westküste der USA und Hawaii. Die dort im Uhrzeigersinn zirkulierende Mülldeponie ist mittlerweile so groß wie Zentraleuropa, sie wird deshalb auch "Great Pacific Garbage Patch" (Großer Pazifischer Müllteppich) genannt.

Auch Europa und das Mittelmeer sind betroffen
Doch man muss gar nicht so weit in die Ferne schauen. Ende April 2007 wartete die britische Marine Conservation Society mit alarmierenden Zahlen auf: An den Küsten und auf den Stränden der britischen Inseln stieg die Zahl der Abfälle seit 1994 um 90 Prozent, mit steigender Tendenz, Strände sehen aus wie Mülldeponien, trotz regelmäßiger Strandsäuberungsaktionen durch Freiwillige. Nach Schätzung der Experten schwimmen im Mittelmeer 500 Tonnen winziger Plastikteilchen aus Abfällen, werden von Algen besiedelt, dienen Plankton und damit Fischen als Nahrung und landen so dann auch auf unseren Tellern. Nach Berechnungen des französischen Meeresforschungsinstituts Ifremer entspricht diese Menge etwa 250 Milliarden Partikeln mit einem Durchschnittsgewicht von 1,8 Milligramm.

Auch im Ärmelkanal und der Nordsee ist die Verschmutzung bereits weit vorangeschritten. Biologen um Jan van Franeker vom Institut für marine Ressourcen und Ökosystem-Studien im holländischen Wageningen untersuchten von 2003 bis 2007 den Mageninhalt von 1300 Eissturmvögeln. Das erschütternde Ergbenis: Nur bei fünf von 100 untersuchten Seevögeln fand man kein Plastik im Magen! Etwa die Hälfte der untersuchten Vögel hatte im Durchschnitt etwa 300 Milligramm Plastik im Magen, dabei am stärksten betroffen waren die Tiere im Ärmelkanal.

Mikroplastik: Kleine Partikel – große Gefahr
Sind die großen Plastikabfälle schon an sich furchtbar genug, so sind die besonders kleinen durch Brandung, UV-Licht und Wellen in Milliarden winziger Teilchen zerschlagenen oder als Zusatzstoffe produzierten Plastikteile oder Mikroplastik das absolute Grauen. Die teilweise mikroskopisch kleinen Kleinstteilchen enthalten hohe Konzentrationen an giftigen und hormonell wirksamen Zusatzstoffen wie Weichmacher, Flammschutzmittel, UV-Filter, DDT oder polychlorierte Biphenyle. Diese können nicht abgebaut werden und landen schlussendlich in der Meeresumwelt oder dem Organismus, der sie aufnimmt.

Mikroplastikteile haben einen Durchmesser von weniger als fünf Millimeter. In mikroskopischer Größe kommen sie in Reinigungsmitteln, z.B. Waschmitteln, Hygiene- und Kosmetikprodukten oder Reinigungsstrahlern von den Herstellern gewollt in die Umwelt. Beim Waschen, z.B. von Kleidung aus Fleece, entstehen sie ungewollt. Gängige Waschmaschinen und Kläranlagen sind technisch derzeit nicht in der Lage, die gefährliche Fracht aufzuhalten.

Forscher fanden heraus, dass die winzigen Kunststoffteilchen wie Magnete auf Toxine wirken und die Giftstoffe in Konzentrationen akkumulieren, die tausende Male höher sind als im umgebenden Wasser. So hat die Gesundheitsbehörde der Färöer-Inseln vor Jahren schon dazu aufgerufen, kein Fleisch von den weit oben im marinen Nahrungsnetz stehenden Grindwalen mehr zu verzehren, da es aufgrund der hohen Konzentration an Giftstoffen nicht für den menschlichen Verzehr geeignet ist.

Neue Gefahr: Mikroplastik aus arktischem Eis
Eingeschlossen im arktischen Eis schlummert eine tickende Zeitbombe. Bei der Analyse von Eisbohrkernen fanden Forscher große Mengen an dort eingelagertem Mikroplastik. Mit dem vom Klimawandel befeuerten Schmelzen des arktischen Eises werden diese Partikel in den kommenden Jahren die Ozeane zusätzlich belasten.

Das Ausmaß dieser noch schlummernden Katastrophe ist derzeit nicht abschätzbar, man muss wohl von mehreren Millionen Tonnen Plastik ausgehen, die wieder in die Umwelt gelangen werden. Im Schnitt sollen in jedem Kubikmeter Eis doppelt so hohe Konzentrationen an Plastikpartikeln eingeschlossen sein wie im gleichen Volumen an Wasser im großen pazifischen Müllstrudel. Das "Plastik-aus-dem-Eis"-Phänomen erinnert an das Auftreten von Schadstoffen wie DDT in der Arktis, obwohl diese dort nie eingesetzt wurden. Wind und Meeresströmungen hatten die Umweltgifte in die Region verfrachtet, wo sie sich im Eis anreicherten.

Toter Ammenhai mit Netzresten im Maul.Die Quelle muss versiegen
Sind Plastikabfälle erst einmal im Meer, dann bleiben sie auch da. Keine Nation, keine Organisation auf der Welt hat die finanziellen Möglichkeiten, den Abfall wieder zu entfernen, was auch gar nicht so einfach wäre, will man nicht gleichzeitig den Milliarden von Kleinstlebewesen, die im Plastik-Müllstrom mitschwimmen, den Garaus machen. Lokal können Säuberungsaktionen an Stränden, unter Wasser durch Taucher oder gezieltes "Abfischen von Plastikmüll" helfen, die Abfalllast zu verringern.

Zwar arbeiten Forscher an Plastik, das sich in Salzwasser auflöst oder schneller versinkt, entscheidend für die Zukunft des Lebens in den Ozeanen und schlussendlich auch für unser Überleben ist aber, die Einträge von Plastikmüll schnell und drastisch zu reduzieren. Entweder über Verbote, wie das Verbot von Plastiktüten in Australien, oder möglichst effektives Recycling.
Ulrich Karlowski – Januar 2016
Fotos:
Plastikmüll in der abgelegenen Maug Lagune: Angelo Villagomez/Marine Photobank.
Verendete Heringsmöve: David Cayless/Marine Photobank
Junger Albatros mit 306 Plastikteilen im Magen: Claire Fackler, NOAA National Marine Sanctuaries/Marine Photobank
Toter Ammenhai bei Jamaika: Aaron O'Dea/Marine Photobank

Weitere Informationen

Gestrandete Nordsee-Pottwale mit viel Plastikmüll im Magen

UBA: Mikroplastik im Meer – wie viel? Woher?

UBA: Plastikmüll in den Ozeanen

UBA: Themenseite Müll im Meer

NOAA: National Marine Sanctuaries