Niederlande: Einzigartiges Fischschutzprojekt

Großartig: Niederländer hauen Loch in Deich und bauen Fischmigrationsfluss – damit Fische wieder wandern können!

Während in der ganzen Welt als Antwort auf den durch den Klimawandel steigenden Meeresspiegel Deiche verstärkt und erhöht werden, durchbrechen die Niederländer kurzerhand gewohnte Muster. Sie hauen ein Loch in den Deich! Klingt verrückt, ist es aber nicht. Denn bislang ist das schnurgerade, 32 Kilometer lange Bollwerk (Afsluitdijk) inmitten des Meeres, welches das Ijsselmeer eingrenzt, ein einziges Hindernis für viele Zugfische. Sie können nicht mehr zwischen ihren Lebens- und Laichgebieten vom Süß- ins Salzwasser und umgekehrt wechseln. Das soll sich ab 2022 mit dem Fischschutzprojekt „Fischmigrationsfluss Abschlussdeich“ ändern.

Dramatische Reduzierung der Fischpopulationen durch den „Afsluitdijk“

Für viele Deltastädte in der Welt ist der Abschlussdeich ein interessantes Beispiel, wenn es um die erfolgreiche Abgrenzung des Meeres und die Schaffung von Neuland und Wassersicherheit geht. Aber die Erfolgsgeschichte hat auch eine Kehrseite. Nach der definitiven Abgrenzung im Jahre 1932 vollzog sich eine ökologische Katastrophe im jetzt abgegrenzten Binnengewässer, dem heutigen IJsselmeer. Der Damm verbindet die Provinzen Noord-Holland und Friesland, sorgt jedoch gleichzeitig für eine Barriere zwischen dem salzigen Wattenmeer und dem süßen IJsselmeer. Etwa hundert Millionen Zugfische, abhängig von Süß- und Salzwasser, können ihre althergebrachten internationalen Routen in die Lebens- und Laichräume nicht mehr nutzen. Das Resultat: ein dramatischer Zusammenbruch der Fischpopulationen.

Ökologische Verbindung zwischen Wattenmeer und IJsselmeer wird wieder hergestellt

Animation: Der Fischmigrationsfluss führt unter dem Deich durch.

Animation Fischmigrationsfluss. Quelle: De Nieuwe Afsluitdijk

„Wir haben daraus gelernt und haben uns damit beschäftigt“, sagt Direktor Arjan Berkhuysen vom niederländischen Wattenmeerverein. Er übernahm die Initiative – im Zuge der großen Renovierung des Bollwerks, das nach dem Willen der niederländischen Regierung ab dem Jahre 2022 für die nächsten 50 Jahre klimaresistent sein muss – einen Fischmigrationsfluss als wichtiges Fischschutzprojekt anzulegen.

„Diese Idee begann mit einer Lücke im Afsluitdijk. Denn eine permanente Öffnung in dieser Wassersperre wirkt sich positiv auf Zugfischpopulationen wie Aal, Meerforelle, Meerneunauge, Stint und Lachs aus. Diese benötigen für ihren Lebenszyklus aus Fortpflanzung und Heranwachsen sowohl Salz- als auch Süßwasser“, so Berkhuysen. „Auf diese Weise stellen wir die jahrhundertealte ökologische Verbindung zwischen dem Wattenmeer und der Nordsee mit dem von Europa geschützten Naturgebiet um das IJsselmeer und dem angrenzenden Rhein-Stromgebiet wieder her.“

Vier Kilometer langer, neuer Wasserweg durch den Deich

Der Fischmigrationsfluss ist ein gut vier Kilometer langer, unbegradigter Wasserweg, der 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche ungehindert durch eine „Lücke“ im Abschlussdeich fließt. Durch diese ausgeklügelte Länge können sich Fische langsam an den Übergang von Salz- zu Süßwasser (und umgekehrt) gewöhnen. Bei Ebbe strömt das Süßwasser vom IJsselmeer ins Wattenmeer, bei Flut geschieht das Entgegengesetzte. Fische können sich von der Strömung tragen lassen, ohne kostbare Energie zu verlieren. Sie reagieren auf den Geruch des Süßwassers und die Strömung (Lockströmung) und finden auf diese Weise problemlos den Zugang zum Fischmigrationsfluss. Der Wasserstrom wird selbstverständlich kontrolliert, und bei starken Stürmen kann das System abgeriegelt werden. Das ist für die Sicherheit der Bevölkerung und für den Erhaltung des Süßwasservorrats des IJsselmeers essenziell.

Besucherzentrum „Wadden Center“

Der künstliche Fluss wird in der Nähe des Mahlbusenkomplexes bei Kornwerderzand, einer ehemaligen Bohrinsel auf dem Afsluitdijk, angelegt. Auf dieser Bohrinsel eröffnet im März 2018 das Besucherzentrum „Wadden Center“ seine Türen. Hier können sich Besucher aus dem In- und Ausland über das Watten- und IJsselmeer, die Geschichte des Deichs und den Fischzug informieren. Ab 2022 kann man von einem Boot aus den Fischmigrationsfluss begutachten und quer durch den Abschlussdeich laufen. Auf diese Weise verbindet man eine technische Maßnahme mit Edutainment, Erholung und Tourismus zum Thema „Wasser“. Auch Wissenschaftler kommen nicht zu kurz: Im Fluss wird ein Test- und Forschungszentrum gebaut, in dem das Wissen über das Migrationsverhalten von Fischen und das ungewöhnliche Fischschutzprojekt weiterentwickelt wird. Dieser Komplex soll ebenfalls spätestens 2022 eingeweiht werden.

Zusammenarbeit zwischen Behörden, Wissenschaftlern, Fischern und Naturschützern

Die Kraft des geplant 55 Millionen Euro teuren und 55 Hektar großen Projektes steckt laut Berkhuysen hauptsächlich in der Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Instanzen, Ingenieurunternehmen, Fischern und Naturschützern. Die Entwicklung des Fischmigrationsflusses passt gut zum Motto des Planers des Afsluitdijks, Cornelis Lely: „Ein lebendiges Volk baut an seiner Zukunft.“ Jan Rotganz ist einer der beteiligten Fischer, der an einer neuen Zukunft arbeitet. Früher konzentrierte er sich auf Aale, aber sah, dass die Natur sich veränderte. „Anstelle von Aalen findet man im Wattenmeer heutzutage viele japanische Austern, Sandklaffmuscheln, Herzmuscheln und Schwertmuschel“, sagt Rotganz. „Als der Aalfang abnahm, entschied ich mich, Rundfahrten für Touristen anzubieten. Die Ableger habe ich aber nie abgetreten, da ich davon ausgehe, dass der Aalfang sich letztlich wieder erholt. Hoffentlich trägt der Fischmigrationsfluss Afsluitdijk etwas dazu bei.“

Fischschutzprojekt als Inspiration für andere Länder

Der Fischmigrationsfluss ist einzigartig. Und das, obwohl es etwa 200 vergleichbare Situationen in anderen Teilen der Welt gibt und auch hier ein Übergang zwischen Salz- und Süßwasser nötig wäre. Die weltweite Überfischung und die vielen Hindernisse haben das Ökosystem und die Fischpopulationen zum Teil massiv geschwächt. Viele Bestände sind bereits stark reduziert. Um das Jahr 2050 könnte es – wenn wir jetzt nichts ändern – mangels Fischen keine kommerzielle Fischerei mehr geben, warnt die Welternährungsorganisation (FAO).

Immer mehr Länder erkennen, dass etwas geschehen muss. Das Fischschutzprojekt „Fischmigrationsfluss im Afsluitdijk“ ist eine der Lösungen für geschlossene Deltas. Aufgrund der Unaufschiebbarkeit des Problems kommen Delegationen aus dem Ausland in die Niederlande und lernen von den Deltawerken und dem Beispiel einer neuen, umweltfreundlichen Herangehensweise – dem Fischmigrationsfluss im Abschlussdeich.
Quelle: Niederländisches Büro für Tourismus & Convention (NBTC)
Foto oben: Fryslan Marketing

Weitere Informationen und Projektträger

„De Nieuwe Afsluitdijk“ ist ein Verbund der Provinzen Noord-Holland und Fryslân sowie der Gemeinden Hollands Kroon, Súdwest-Fryslân und Harlingen.

Waddenvereniging, It Fryske Gea, Sportvisserij Nederland, netVISwerk und Het Blauwe Hart:
https://www.theafsluitdijk.com/projecten/fish-migration-river/

Weitere Informationen: www.vismigratierivier.nl

YouTube: https://www.youtube.com/watch?v=zDo6DX7hksc

Happy Fish: https://www.waddenvereniging.nl/happyfish